Von Nico Beinke, 26. August 2019

„Braindrops“ hat Potential das neue Lieblingsalbum zu werden, welches trotzdem selten gehört werden mag. Es ist aufregend und nervig zugleich. Wie beispielsweise Miles Davis‘ „Bitches Brew“; nach zwanzig Minuten reicht es eigentlich, zu anstrengend wird das Durcheinander. Am Ende steht Konfusion, das Gehirn fühlt sich durchgepustet und ein bisschen gefickt an. Der Tropical Fuck Storm hat schwere Verwüstungen angerichtet.

Der Opener „Paradise“ hinterlässt gleich erstmal einen bleibenden Eindruck. Man nehme zwei Schimpansen, gebe ihnen zu gleichen Teilen Acid und Ketamin, drücke ihnen eine Gitarre in die Hand und schiebe ihnen Wah-Wah-Pedale unter die Füße, fertig. Im Sinne der Art brut ein gelungenes Projekt. Und die Punk-Attitüde, was die Scheißegal-Haltung angeht, rundet Chaos und Anarchie erst ab. „Braindrops“ könnte ein Gorillaz-Song sein, denn er stolpert rhythmisch, der Groove allerdings hakt gewaltig, der Spoken-Word-Vortrag klingt übellaunig, aber die weiblichen Chöre deuten eine Melodie an, die allerdings gleich wieder durch die Gitarre zerlegt wird und im Disharmonischen endet. Aufbau und Zerstörung, das Konzept der Kunst als Dekunstruktion.

Im Sinne von save the best for last darf „Maria 63“ das Album beschließen. Und hier wird der wiedersinnig erscheinende Stilmix noch einmal auf die Spitze getrieben. Gareth Liddiard versucht sich im Crooning, was dann in der Tat, gemeinsam mit den gospelähnlichen Gesängen seiner drei Bandmädels, nach seinem Landsmann und Indie-Übervater Nick Cave klingt. Trotzdem reduziert und mit Mariachi-Giterrensolo versehen, stirbt auch dieser Song den schönsten Tod. Denn auch alles Schöne muss irgendwann vergehen. In Form von dominanten Doom-Riffs ertönen die „Trompeten von Jericho“, Anna von Hausswolff‘s Meilenstein-Album „The Miraculous“ von 2015 grüßt, und dann hat sich das Zweitwerk des Quartetts zu Ende dekonstruiert.

Eine angenehme Leere scheint nun zähflüssig von der Schädeldecke ins Innere zu tropfen.

11.11.2019 Berlin – Berghain Kantine

VÖ: 23. August 2019 via Joyful Noise Recordings