Von David Maneke, 03. Mai 2019

Es gibt ein wiederkehrendes Thema in jedem Interview, in jedem Gedanken der dieser Tage um das heutige Erscheinen des vierten Vampire Weekend Albums „Father Of The Bride“ kreist: Sechs Jahre sind in vielerlei Hinsicht eine erstaunlich lange Zeitspanne zwischen zwei Alben – gerade vor dem Hintergrund dass Vampire Weekend uns zwischen 2008 und 2013 gleich drei davon präsentiert haben.

Überraschend ist zunächst, wie vertraut der Vorgänger „Modern Vampires of the City“ immer noch klingt. Vorbereitend zu dieser Kritik habe ich das bisherige Oeuvre intensiv aufgefrischt und bin aufs Neue erstaunt, wie trittsicher die Band bislang durch die eigenen Möglichkeiten getänzelt ist. Zu viele Ideen als dass sich Wiederholungseffekte bemerkbar machen würden, aber den Überblick über den eigenen Kosmos haben Vampire Weekend bislang nicht verloren gehabt. Die erste Schaffensphase von Vampire Weekend gleicht in der Retrospektive einem Drahtseilakt zwischen zwei Hochhäusern, so sicher ausgeführt, dass das Publikum niemals Angst um den Seiltänzer haben musste.

Aber sechs Jahre später ist dieses blinde Vertrauen erst mal eingeschlafen. Ezra Koenig hat sich auf Netflix und im Radio ausgetobt, writing Credits für Beyoncé eingeheimst (#lifegoals) und schließlich Familie gegründet. Vor allem aber hat er mit dem Austritt von Rostam Batmanglij seinen zumindest nach außen hin wichtigsten Sidekick verloren. Und schon bekommen wir auf dem Silbertablett eine ganze Reihe skeptischer Fragen serviert, die sich der Einfachheit halber zu der einen großen, schön leicht gestellten, Frage aufsummieren lassen: Sind Vampire Weekend denn wirklich noch so gut, wie sie den Wortführern des Indie-Pops damals erschienen?

Dem Antwortversuch stelle ich folgende steile These voran: Jeder einzelne Vampire Weekend Song bislang ist ein Auszug aus dem reichhaltigen Archiv an musikalischer Hörerfahrung der Musiker. Das betrifft sämtliche musikalischen und lyrischen Ebenen; Zitiert werden Harmoniken, Muster und Strukturen, Instrumentierung. Die Intertextualität in Ezra Koenigs Texten ist überbordend, und wenn es ein der Intertextualität vergleichbares Phänomen in der Musik gibt (mir ist ad hoc der Fachausdruck zumindest nicht bekannt), dann dürfte man wohl auch konstatieren, dass Vampire Weekend daran nicht sparen. Und, so der Antwortversuch weiter, das liefert eventuelle Aufschlüsse über die Arbeitsweise der Band. Ezra Koenig hat in einem Interview einst selbst bestätigt, dass Vampire Weekend ihre Songs nicht beim Jammen entwickeln, sondern einen methodischen Ansatz verfolgen. Sie arbeiten die kaleidoskopischen Einflüsse zum eigenen Material um, Ursprung noch erkennbar und gleichzeitig zweifellos Vampire Weekend. Die Gründe aus denen Vampire Weekend ihre Einflüsse ziehen sind ihrerseits Zeuge eines Intellektualismus mit hohen Ansprüchen, der durch die zusätzliche Überspitzung des poshen Upper East Side Getue eine bizarr-ironische Brechung erfährt. Innerhalb ihres Kosmos bewegen sich Vampire Weekend seit jeher geschmeidig wie Panther zwischen allen Polen.

Wer eine rhetorische Frage aufwirft, sollte sie aber vielleicht auch beantworten. Und das geschieht im hier und jetzt, das da heißt: „Father Of The Bride“. Schon der phänomenale Opener „Hold You Now“ lässt kaum Zweifel offen: Vampire Weekend haben sich verändert, aber der methodische Kern ist stark wie selten zuvor. Ezra Koenig und Gastsängerin Danielle Haim eröffnen im Wechselgesang ihre divergierenden und einander irritierenden Perspektiven über eine nicht näher benannte und überdies vergangene Liaison. Begleiten lassen sich die beiden von glattgebügeltem Klischee-Country, unterbrochen nur von Episoden, in denen ein mit Beat unterlegter melanesischer Chor sakrale Passagen singt. Für dieses Arrangement hätte Kanye West gemordet. Kulturell trennen Strophe und Refrain Unendlichkeiten, aber das Arrangement eint sie zu einem beeindruckenden Vampire Weekend Song.

Im bereits oben zitierten Interview gibt Ezra Koenig preis, dass seine Vorstellung eines Albums eher der publizistischen Form einer Kurzgeschichtensammlung ähnelt. Auch das findet sich auf „Father Of The Bride“ wieder, die 18 Songs unterscheiden sich teilweise erheblich. Aber es gibt wiederkehrende Themen; Ezra Koenigs Texte drehen sich viel um Liebe, aber auch um Glauben. Es sind auch die Fragen eines gereiften Menschen, die er uns gewohnt entzückend kopfig auseinandersetzt; Ein bisschen weniger subtile Provokation schwingt mit.

Vampire Weekend besitzen die Gabe, dass man ihre Musik sehr gerne mögen kann, ohne sich all diese Gedanken zu machen, aber gleichzeitig Raum für ausschweifende Entdeckungsreisen in ihr finden kann. „Father Of The Bride“ ist da keine Ausnahme. Aber vor allem schleicht sich ganz leise das Gefühl ein, dass sich die Band verändert hat, sie scheint klammheimlich einen gehörigen Schritt nach vorne gemacht zu haben. Und auch wenn das Publikum es möglicherweise zwischenzeitlich vergessen hat, so ist sich der Seiltänzer doch unverbrüchlich sicher, dass jeder einzelne seiner Schritte perfekt sitzt. Dieses Bewusstsein ist notwendig, denn sonst droht der Absturz. Aber bei so sicherem Schritt braucht den keiner zu befürchten.

VÖ: 03. Mai 2019 via Columbia Records