White Wine – Killer Brilliance
© Tristan Schulze

White Wine Killer Brilliance

Jetzt im Herbst zeigt sich die Welt wieder schonungslos als das, was sie in Wahrheit ist: ein graues, ungemütliches Drecksloch. Doch statt dem Herbstblues zu verfallen, in der Hygge zu blättern und neue Pulswärmer zu stricken, sollte man dieses Jahr eine andere Taktik wählen: sich der schlechten Laune voll und ganz hingeben. Wie passend, dass White Wine sich gerade jetzt mit ihrem Dunkelkammerpop zurückmelden. Nach 18 Monaten auf Tour hatte die Leipziger Band um Joe Haege, Fritz Brückner und Christian Kühr das Gefühl, etwas Verruchtes und Düsteres unbedingt loswerden zu müssen. Gesagt, getan: „Killer Brilliance“ heißt das Ergebnis, erschienen bei Altin Village, und ist eine Platte über den Dreck aus den finstersten Ecken menschlicher Gefühlsregungen – ambivalent, bösartig und magnetisch faszinierend.

Schon der Opener zeigt, dass White Wine trotz ihres Namens mit heimeligen Feelgood-Tunes so viel am Hut haben wie die Flasche Château Rothschild mit Tetrapak-Weißwein. Gespenstische Spoken-Word-Passagen wechseln sich darin mit sengenden Orgelsounds ab und beschwören eine dystopische Film-Noir-Atmosphäre herauf, dass einem die Hirnwindungen zufrieren. „Broken Letter Hour“ besticht durch eine nervenaufbohrende Intensität, die man so nur vom Zahnarztstuhl kennt, während „Hurry Home“ mit seinem Refrain beweist, dass sich hinter der selbstverständlichen Eiseskälte des Albums echte Hits verbergen – auch wenn man sie erst halberfroren aus dem See angeln muss. Der titelgebende Track „Killer Brilliance“ erfasst das Leben schließlich in seiner gesamten Tragweite: Mit der beängstigenden Aura eines dunklen Priesters, der mit dem Kissen auf seinen Urängsten schläft, deckt Sänger Joe Haege die hässlichen Wahrheiten der menschlichen Existenz auf. Erfolg produziert eben nicht nur Gewinner, sondern auch zahllose Verlierer.

Doch ob wir nun die Hoffnung sterben lassen, die Ehrlichkeit töten oder Dingen ein Ende setzen: Am Schluss von „Killer Brilliance“ steht die schmutzige Erkenntnis, dass uns allen ein wenig Blut an den Händen klebt. Die gute Nachricht: Wer so erbarmungslos mit dem schieren Wahnsinn der Realität konfrontiert wird wie auf „Killer Brilliance“, ist die eskapistischen Flausen erstmal los. Zumindest bis zum nächsten Jahr.

11/10/2017 Berlin — Berghain Kantine
13/10/2017 Bremen – Lagerhaus
14/10/2017 Köln — Artheater
27/10/2017 München – Manic Street Parade
28/10/2017 Nürnberg – Nürnberg.Pop Festival
29/10/2017 Jena – Cafe Wagner
15/12/2017 Freiburg – Swamp

VÖ: 29. September 2017 via Altin Village & Mine
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