Von Christian Selzer, 09. August 2019

Zwei Jahrzehnte Seelenstriptease – und immer noch nicht austherapiert: Yoni Wolf, Sänger, Rapper und Kopf von WHY?, bleibt seiner Rolle als exhibitionistischer Berufsmelancholiker auch auf der siebten LP „AOKOHIO” treu. Drehten sich die Texte von WHY? bislang vor allem um Exfreundinnen, schlechte Trips und Gespräche mit dem Psychiater, jagt Wolf seine Dämonen jetzt in der Vergangenheit: Ausgelöst durch die Rückkehr in seine Heimatstadt Cincinatti, Ohio, treibt ihn die Frage um, welche zurückliegenden Ereignisse seine zahlreichen Ängste formten. „I’m shaking off a shadow / all my life” heißt es in „Peel Free”, dem zentralen Song des Albums: Vergangenheitsbewältigung à la Yoni Wolf.

Musikalisch kehren WHY? in die Hexenküche zurück. War das Vorgängeralbum „Moh Lhean” noch geprägt von Pop-Folk-Arrangements, stolpern durch „AOKOHIO” die verschleppten Beats der Anfangszeit. Vielschichtig pluckernde Elektronikfrickeleien knüpfen an die verspulte Experimentierfreude von „Oaklandazulasylum” oder „Elephant Eyelash” an. Die atmosphärische Postrock-Dynamik von „Rock Candy” kennt man vom Album „Alopecia”, auf dem WHY? einige ihrer bis dato besten Songs veröffentlicht hatten. Überhaupt wirkt „AOKOHIO” wie ein Kaleidoskop, das sämtliche Phasen der Band zerstückelt, sammelt und neu sortiert. Eine Band remixt sich selbst – und lässt in Form von Field Recordings, Dialogfetzen und verwaschenen Ambientsounds immer wieder Erinnerungsfetzen hervorblitzen.

Vieles bleibt Fragment auf „AOKOHIO”. Ob das der nötige Zwischenschritt zu einer künstlerischen Neuausrichtung ist, wird sich zeigen. Genügend Redebedarf für ein weiteres Album gibt es auf jeden Fall.

03.11.2019 München – Feierwerk
04.11.2019 Frankfurt – Zoom
05.11.2019 Berlin – Frannz Club

VÖ: 09. August 2019 via Joyful Noise Recordings