Text: Nico Beinke, 01. Februar 2021

Sogenannte Therapie-Alben gibt es wie Sand am Meer. Aber wie therapiere ich mein Hochstapler-Syndrom? Nehme ich ein Album auf? Eher nicht. Der ewige Selbstzweifel ist steter Wegbegleiter vieler Kreativer, aber auch Wegbereiter einiger der zuvorderst erwähnten Therapie-Alben. Hochstapler verfügen immerhin über ein inneres Korrektiv, jedenfalls ist die Rockstar-Hybris somit schon einmal verhütet. Ich mag meine persönlichen Musik-Helden mittlerweile lieber leicht psychotisch, das ist irgendwie lebensechter. Ob es nun wirklich der Wahrheit entspricht und Anna B Savage sich mit dem Erfolg, den sie zukünftig zweifelsohne haben wird, nicht arrangieren kann, bzw. im Gefühl verweilt, ihn nicht zu verdienen – wer weiß. Who cares? Legendenbildung funktioniert auch immer über Gerüchte.

Es ist allerdings kein Gerücht: „A Common Turn“, das Langrillen-Debüt der jungen Londonerin hat es endlich in die Plattenläden geschafft. Im Frühjahr durfte die Journaille bereits probehören, aber ein passender Vergleich ist noch immer nicht gefunden. Ein unbestimmbares Gefühl ließ mich immer mal wieder an Anohni denken, aber dann wieder eher an das „Crying Light“-Album ihrer zu Grabe getragenen Antony and the Johnsons. Oder anders: Anna B Savage nennt Nick Drakes „Pink Moon“, als eines ihrer Lieblingsalben, was sich ebenso während „A Common Turn“ heraushören lässt wie die mittelspäte Kate Bush, oder die modifizierte Anna Calvi der letzten 2-3 Jahre. Von den besten geklaubt und äußerst smart in die geistige Dürreperiode der dystopisch anmutenden Gegenwart transferiert. Und dann noch zusätzlich mit einem pophistorischen Querverweis versehen, nämlich der Forterzählung des Leonard Cohen-Klassikers „Chelsea Hotel #2“, den sie auf #3 erhöht. Vortrefflich, formvollendet, steht Anna B Savage diesen musikalischen Rittberger aus einer dreifachen Pirouette samt gefühlter drei Dutzend Schrauben und verneigt sich vor der tosenden Menge.

VÖ: 29. Januar 2021 via City Slang