Text: Matthias Prawinski, 08. Dezember 2020

An einem Veranstaltungsort im Herzen der florierenden DIY-Musikszene Manchesters trafen sich Scott Fair und Valentine Caulfield (beide noch mit ihren damaligen Bands) teilten sich eine Rechnung und kamen somit ins Gespräch. Fair ging Caulfields außergewöhnlicher Gesangstil, eine Art Punk-Poesie (die sie in ihrer Muttersprache Französisch darbot), nicht mehr aus dem Kopf, und als ihre beiden Projekte endeten, begannen sie sich zu treffen und sich über neue Ideen zu unterhalten und zu diskutieren.

In dieser Zeit umgab sie eine Art Aufregung und Umbruch-Stimmung, die durch die Befreiung experimenteller Sets an Orten wie The White Hotel, Aatma, The Peer Hat und Studio B ausgelöst wurde und dies nahmen beide zum Anlass dieses Gefühl einfangen und vertonen zu wollen. Ein akustisches Jean-Baptiste Grenouille-Projekt, wenn man so will. Mit dem Einstieg von Liam Stewart (Percussion), der sich in seiner Vergangenheit gern mal als Tourmitglied von LoneLady seine Brötchen verdiente, wurde auch der Part für den bis dahin noch fehlenden elektronischen Weitblick vergeben.

Von Rhythmus und Bewegung getrieben, spielten sie sich mit ihrer rohen Kombination aus Postpunk, Noise und Electro in die Arme ihres neuen Labels Fire Talk Records und wurden Teil des New Weird Britain. Scheunen, Lagerhäuser, Kunst- und Kirchenräumlichkeiten werden als Veranstaltungsorte ausgewählt, um dieser interdisziplinären Rohheit, die hier von wesentlicher Bedeutung ist, mit ihrer kathartischen Wirkung gerecht zu werden.

…we love when genres and dynamics are smashed together in an untidy way… we love to butcher things.

Und das hört man. „Nike Of Samothrace“ ist die dritte Single, dieser noch in der Anfangsphase steckenden Musikern und wurde mit minimaler Mischung bewusst in Industrieräumen, die für den unscharfen Nachdruck und Rohheit sprechen, aufgenommen und produziert.

Es verwundert nicht, dass die Band bei den Aufnahmen ihres neuen Videos zur Single von Gaspar Noé inspiriert wurde, denn wenn das Licht, die Musik und die physische Nähe zu einem Gefühl zusammenkommen, welches größer ist als die Summe ihrer Teile, dann macht es sich auch Gary, Indiana zur Aufgabe, klarzumachen, dass die Notwendigkeit im Hier und Jetzt zu sein und hin- anstatt wegzugucken dringend besteht.

Egal wie abgrundtief pervers es zu sein scheint / gerade weil es abgrundtief pervers zu sein scheint. Um einen tiefen Einblick in ihre selbstzusammengeflickte Welt zu erhalten, greift Gary, Indiana auf den Einfluss alter Videos (VH1, Kerrang!) zurück und achten sorgfältig darauf, dass die verflochtenen Found-Footage-Montagen und alle anderen Visuals ein Gesamtbild der Läuterung ergeben. Was als Single jedoch satt und herkulisch auftritt, könnte auf einem Longplayer schnell überfordernd, überschäumend und langwierig wirken. Wir werden sehen, wartend zwischen Rausch und Ermüdung.

VÖ: 01. Dezember 2020 via Fire Talk Records