Text: Alex Schulz, 26. Mai 2021

Als Hybrid Pop betitelt die Schweizer Künstlerin Gina Été das Genre, in dessen fiktiven Grenzlinien sie sich mit drei Musikerkollegen im Quartett Gina Été austobt. Nun steht der erste Langspieler der Zürcher Band ins Haus und es erlaubt sich im Vorfeld die Frage, wofür es einen weiteren Genre-Neologismus braucht, um die Musik der Gruppe greifbarer zu machen.

Gina Été liefern zweierlei Gründe bei dem aus zwölf Tracks bestehenden „Erased By Thought“ mit: einerseits wäre da der Anspruch auf lyrischer Ebene gesellschaftspolitische sowie persönliche Initiativen in Einklang zu bringen. Frontfrau Gina Été gelingt dies als Songwriterin wirklich außerordentlich gut. Sie tut es mal in aller Deutlichkeit („Trauma“), mal subtiler („Not enough“), nur um sich zwei Beispiele herauszugreifen. In „Trauma“ erfragt die Sängerin die Gefühlswelten jener Migranten, die unwegsame oder kriminell-organisierte Fluchtrouten in Kauf nehmen müssen und mussten, nur weil Europas Grenzschutz-Interventionen die Menschenwürde offenkundig hintenanstellen. Gleichzeitig spricht sie den ZuhörerInnen ganz persönlich aus der Seele und wiederholt das Bekenntnis „I am sorry for what my country has done to you“. Im Song „Not enough“ ist die Botschaft etwas universeller und damit zum Beispiel auch auf den Klimawandel anwendbar. Geschickt gibt der Text etwa einen Denkanstoß zu der Frage, ob wir als Einzelpersonen nicht noch umweltfreundlicher leben könnten, dies aber nicht hinreichend tun und ob wir uns in der Retrospektive nach geschehener Katastrophe selbst etwas vorwerfen würden. Zusammengefasst behandelt Gina Été sowohl die Rückspiegelung subjektiven Handelns und Denkens in das gesellschaftliche Geschehen – dessen Verantwortung sich niemand komplett entziehen kann – als auch die einfache Botschaft bei jedem unangenehmen Thema: immer nur wegschauen ist nicht!

Andererseits ist da selbstredend auch die musikalische Ebene, die in den Begriff Hybrid Pop einzahlt. Jeder Song entführt in eine eigene atmosphärisch dichte, teils sehr intime Welt. Diese reicht von orchestral-cineastischen Arrangements mit Streichern, über begleitendes Klavier-, Akustik- oder E-Gitarren-Spiel hin zu gerne auch vertrackteren Synthie- und Drum-Machine-Parts. Das Paradoxon einer Bündelung mitunter völlig unterschiedlich instrumentalisierter Tracks auf dem Album wird von den Vocals nochmals entscheidend verstärkt. Gina Été bringt mit Englisch, Deutsch, Schweizerdeutsch und Französisch vier Sprachen auf dem Album unter. Die Auswahl je Track ist hörbar sorgfältig getroffen und letztlich sogar eines der wichtigsten Stilmittel auf „Erased By Thought“. Alles in allem resultiert die musikalische Vielfalt nicht in einen Flickenteppich, sondern verschmilzt gekonnt zu einem Hybrid, dessen Genre-Schöpfer sich die Band mit Fug und Recht nennen darf.

Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel zum Substantiv bzw. Adjektiv „H/hybrid“ reicht in seiner umfangreichen Auflistung von Plug-In-Hybrid Fahrzeugen bis hin zu „Hybrid Theory“ von Linkin Park. Hybrid Pop ist zwar vergebens zu suchen, dies sei aber schlicht der Neuartigkeit des Begriffs geschuldet. Wünschenswert wäre die dahingehende Ergänzung der Online-Enzyklopädie in Zukunft allemal – würde dies doch bedeuten, dass sich der Zeitgeist auch in reflektierter Popmusik ausgebreitet hätte.

VÖ: 21. Mai 2021 via Motor Entertainment