Von Julian Tröndle, 27. November 2020

Es gab eine Zeit, vor etwa zwölf Jahren, da galt kulturelle Wilderei, also das Adaptieren fremder ästhetischer Codes, unter weißen Musiker*innen noch als unschuldiges Spiel – ja, sogar als Zeichen der eigenen Weltoffenheit. Vampire Weekend hatten gerade ihr Debütalbum veröffentlicht, auf dem sie ihren verspielten Indie-Pop auf synkopischen Conga-Rhythmen betteten. Kurz zuvor hatte ein US-Folkmusiker sein Bandprojekt nach der libanesischen Hauptstadt benannt und begeisterte die Pop-Feuilletons mit einer von den ästhetischen Traditionen Mexikos und des Balkans inspirierten Musik.

Heute, vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte um postkoloniale Verantwortung und rassistisch motivierte Polizeigewalt, erscheint diese Wühltisch-Praxis, die damals noch breite Zustimmung fand, beinahe fahrlässig unreflektiert: Unter dem Schlagwort Cultural Appropriation wird neuerdings die unsensible Adaption von Kunst abseits des eigenen kulturellen Dunstkreises öffentlich problematisiert. So beschreibt beispielsweise die Autorin Alice Hasters in ihrem Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ (2019) die Praxis weißer Musiker*innen, sich ungeniert (pop-)kulturelle Codes anderer Kulturen anzueignen, als Fortsetzung eines kolonialistischen Reflexes: „Weißen Menschen wurde die Teilhabe an anderen Kulturen nie explizit verweigert – deshalb sehen viele diese Grenzen auch nicht und bedienen sich weltweit an kulturellem Erbe.“

Das alles hat mit dem neuen, sechsten Album des Kopenhagener Quintetts Girls in Airports insofern zu tun, als dass auch sie ihren referenzenreichen Jazz mit allerlei Einflüssen fernab der eignen musikalischen Primärsozialisation anreichern. Die Musik der fünf beinahe fluoreszierend weißen Skandinavier-Boys (von wegen Girls – der Bandname ist lediglich das halbgare Ergebnis einer alkoholreichen Nacht) wurde unter anderem vom indischen Sadot-Virtuosen Ali Akbar Khan sowie der malischen Sängerin Nahawa Doumbia inspiriert und vermengt dabei kühn polyrythmisch-krautige Ekstase mit fernöstlich anmutenden Tonskalen. Mit diesem exotisch-eklektischen Referenzenfundus scheinen sie also beinahe zwangsläufig in eben jene Falle zu tappen, in der über-woke Feuilletonist*innen bereits kopfschüttelnd auf sie warten.

Doch deren voreiliger Cultural-Appropriation-Vorwurf zielt im Falle von Girls in Airports letztlich ins Leere: Die Musik auf „Dive“ ist nämlich keine plumpe Adaption, wie man sie beispielsweise von weißen Blues- und Soul-Musiker*innen kennt und fürchtet; vielmehr entsteht hier durch das stete Durchschimmern skandinavischer Melancholie ein musikalisch innovatives Amalgam, eine Art Ethno-Jazz Noir, der sich nicht mit unreflektiertem Exotizismus begnügt. In ungewöhnlicher Konstellation – zwei Hörner, Percussions, Drums & Keys – operieren Girls in Airports an einer atemberaubend grenzenlosen Musik, die sich zu eurozentrisch geeichten Hörgewohnheiten etwa so verhält wie Impfstoffe zu Querdenker-Venen. Das Album kommt also trotz aller zeitgeistiger Spontankritik genau im richtigen Moment.

VÖ: 27. November 2020 via Mawi Music