Text: Matthias Prawinski, 25. Februar 2021

Letztes Jahr im Oktober referierten wir über Love Machines Single-Auskopplung und Appetizer „Hauptbahnhof“, ein sanft-melancholisches Monument, welches diesen nie stillzustehen scheinenden Knotenpunkt ankommender und abschiednehmenden Menschen ehrt. Nun endlich das volle Werk, ihr viertes Album „Düsseldorf-Tokyo“ mit zehn Stücken, die viel über Geschehenem ihre Stadt zu erzählen haben.

Ja, wie ist es eigentlich in dieser Rhein-Metropole zu leben, die unter anderem bekannt ist für die maximale Durchführung und Auslastung ihrer sogenannten fünften Jahreszeit und einer großspurig nach außen ausstrahlenden Mondänität, die beinahe schon einschüchternd wirkt?! Gibt es eine nennenswerte Essenz zwischen all den Sprachcodes wie Killepitsch und Halve Hahn, zwischen Schauspielhaus und Kunstakademie, MedienHafen und organischem Gebäudeensemble irgendwelcher New Yorker Stararchitekten? Unterm Strich vielleicht nur ein weiterer Moloch Großstadt, deren Anonymität Fluch und Segen zugleich ist. Vielleicht auch nicht.

In jedem Moloch gibt es Leidensgenossen, deren Verbrüderung die eigenen Belastungsgrenzen weiter ausdehnt und ein wenig flexibler gestaltet, erträglicher macht in gemeinsamen konspirativen Nächten. Und um die Nacht dreht sich hier viel. Wenn sich Melancholie und Romantik, aber auch Absturz, Sucht und Desillusionierung in der perfekten Ausgangssituation befinden — nämlich während der Abwesenheit des Tageslichtes, kommen die Suchenden und fahnden im Schutz der langen Schatten nach Erklärungen, Liebe, Betäubung, Erinnerungen, Lösungen, nach der einen oder dem anderen und vielleicht auch einen weiteren Grund zu bleiben wo sie gerade sind (naja, diesen Antrieb findet man ab einem bestimmten Tiefpunkt ja irgendwie immer).

Diese Schatten gleichen beinahe schon einer schlechtbeleuchteten Parallelwelt, die Love Machine bewusst in den Fokus rücken (während die Fancy-Bürger dieser Seite liebend gern den Rücken kehren) und offen freilegen: Düsseldorf, wir müssen reden. Love Machines atmosphärisch-instrumentale Indie-Rock Welt, dreht sich merkbar um den sonoren dunkel-warmen Kern, nämlich den Kehlkopf Marcel Rösches. Eine ziemliche Bandbreite diese Stimme, von einlullend bis ausufernd alles abgedeckt und ich bin mir sicher es wäre auch die perfekte Stimme für Memoiren-Lesungen im Namen Roger Whittakers, wie auch die ideale Stimmlage für Gute-Nacht-Geschichten für Schlafgestörte aller Art. Erstaunlich behaglich.

Das Songwriting besticht auf dieser Platte durch ihre Vielfältigkeit; Chanson, zerrige Riffs bis Schunkeleien haben hier genug Platz zum Atmen und insgesamt wirkt die Platte gediegen entschleunigend. Unterstützung bekommt das Quintett von Pianisten Jan Lammert, dessen Einsatz am E-Piano, Klavier, Orgel und Synthesizer den Stücken auf „Düsseldorf – Tokyo“ eine völlig neue Dimension verpasst. Das Album entstand von Ende 2019 bis Anfang 2020 (dieser Zeitraum spricht hochkonzentrierte Bände!) während eines zweiwöchigen Rückzugs auf einem Bauernhof im Schwarzwald, der letzte Schliff dann bei Aufnahmen in Düsseldorf im Keller unter dem alten Kraftwerk Studio; das alles in Zusammenarbeit mit Produzent Patrick Stäudle, seit Love Machines vorheriger EP Mirrors & Money, der Sound-Dompteur ihres Vertrauens.

Ein Novum: die deutschen Texte, sind die vorherigen Alben noch englischer Natur, wird jetzt hier die Muttersprache in aller Unbefangenheit genutzt (zumindest acht von zehn Songs), sicher ein Vorteil bei dieser vorherrschenden Album-Thematik, die mit gewünschtem Effekt es nahezubringen auf englisch sicher schwer gehabt hätte.

„Düsseldorf-Tokyo“ – eine Ode und Verbeugung vor der Stadt am Rhein und auch, eigentlich gerade vor seine urindurchtränkten Ecken, vor verschlissenen Parkbänke, dunklen Seitenstraßen und seine Lieblingskneipen mit all den abertausenden dazugehörigen Geschichten, die für dieses tiefe Gefühl unentbehrlich sind.

VÖ: 26. Februar 2021 via Unique Records