Von Jan-Frederic Goltz, 10. Dezember 2020

Generell bekommt man mich ja mit allem, was Drumcomputer-mässig auch nur im entferntesten nach Roland CR-78 klingt. Ob es sich ausgerechnet um genau diesen Ryhtmus-Sequenzer handelt? Ich weiß es doch auch nicht. Phantom Horse ist das Duo um Ulf Schütte und Niklas Dommaschk aus Hamburg und Nijmegen (Niederlande, sorry, musste ich nachschlagen), die mit „Mehr Null“ ihr nunmehr viertes Album veröffentlichen. Viel mehr wusste ich bis zum verfassen dieser Rezension ehrlicherweise auch nicht (warum eigentlich? Bildungslücke?). Ein kurzer Blick ins achso allwissende Internet stimmt schon mal mit den Klängen der ersten Tracks des neuen Releases überein. In meinen eigenen Worten: Analog geschwängerter Krautrock meets 70er Zukunftsutopien. Das klingt doch schon mal vielversprechend oder?

Man denke sich in Zeiten zurück, die man selbst ja gar nicht miterlebt hat, von denen man aber glaubt, eine gewissen Ahnung zu haben. Wie wurde elektronische Musik eigentlich vor 40, vielleicht 50 Jahren realisiert? Damals war analog also für die Pioniere der elektronischen Musik, das, was für die Digital Natives die DAW’s dieser Welt sind oder wie muss ich das verstehen? Was war die Vorstellung über die Zukunft, also jener Zeit, in der wir heute leben? Und wie soll diese Welt dann später aussehen?

„Mehr Null“ ist weit mehr als Null (und Einsen). Das Gegenteil ist der Fall. Bei aller Liebe zum Minimalismus und dem lobenswerten Weglassen von Elementen und Teilchen kommt mir dieses Album angenehm komplex vor. Difficult Music for difficult Times. Alles sitzt hier an seiner Stelle. Unweigerlich denke ich an einen meiner Helden der (komplexeren) elektronischen Klangkunst (Legowelt) — „Das menschliche Gehirn braucht bei aller musikalischen Reduktion etwas zum Nachdenken — etwas was zunächst verwirrt und einen beschäftigt.“ Ich finde, diesen Ansatz verfolgt Phantom Horse ganz vorzüglich.

Das Duo programmiert ihre Arpeggios nämlich gar meisterhaft. Sie schwirren nur so dahin und verflechten sich charmant in flirrenden und hoffentlich nimmer enden wollenden und Sequenzen („Owl“). Absoluter Hörtip ist meines Erachtens nach übrigens der Titel „Common Magic“ — einer der langsamsten Titel des Albums, welches eine unsagbar düstere Stimmung musikalisch transportiert und in gewisser Weise interpretiert — unmittelbar denke ich an Zeiten zurück, in denen Zeitansagen per Telefon (RIP!) noch ein Ding waren, wobei der Dudelsack anmutenden Synth fast schon nach Dial-Up Moden klingt. Welch Melange!

Das Album schließt erhellend mit dem Titel „Constellations of Mabu“, dem weitestgehend am optimistischsten gestimmten Track der Platte. Freundliche obertönige Synth-Sequenzen liefern sich einen gegenläufigen, mit weitestgehend perkussiven Elementen versehenden Schlagabtausch, die sich immer weiter aufschaukeln, bis du selbst ganz irre wirst (im positiven Sinne) im Kopp.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mit sechs Stücken auf gut 40 Minuten liefern Phantom Horse eine gottseidank-entdeckt Platte ab, die ich jedem Fan von Oszillatoren-getriebenem Krautrock ans Herz legen möchte. Danke dafür, ihr elektronischen Phantom Pferde!

VÖ: 04. Dezember 2020 via Umor Rex