Von Julian Tröndle, 04. Dezember 2020

Eine Band mit Faible für sprachliche Phänomene waren Sigur Rós im Grunde schon immer: 2002 veröffentlichten die isländischen Indie-Mystiker mit „( )“ ein Album, für das sie eigens die Kunstsprache Vonlenska erfanden, welche von allen Nicht-Isländer*innen selbstverständlich dennoch für Isländisch gehalten wurde. Etwa zur selben Zeit arbeiteten sie offenbar bereits an einem anderen linguistischen Großprojekt, dessen Konzept nicht nur für Popkontexte, sondern sogar für Sigur Rós selbst absurd ambitioniert erscheint: Gegenstand des Albums ist ein Teil der Edda, eine mittelalterliche und – so heißt es – für die kulturelle Identität Islands ungemein wichtige Gedichtsammlung (vermutlich also für moderne Isländer*innen etwa so wichtig wie die Nibelungensage für meine deutsche Identität (sic!)). Speziell geht es um den darin enthaltenen Kanon „Hrafnagaldur Óðins“, in der zwei Raben von einem nordischen Gott ausgesandt werden, um die Erde, den Himmel und die Hölle zu vermessen. Nachdem ihre Mission scheitert, schließt die Geschichte mit der Ankündigung einer Apokalypse, die das Ende aller Götter und Menschen besiegelt – genau die Art optimistischer Erzählung also, die wir in unserer momentanen Situation so dringend brauchen.

Zusammen mit den Filmmusikkomponist*innen Maria Huld Markan Sigfúsdóttir und Hilmar Örn Hilmarsson sowie dem Kantoren Steindór Andersen wird dieses Untergangsnarrativ auf dem Live-Konzeptalbum „Odin’s Raven Magic“ in eine angemessen pastorale Musik überführt, wobei ein vielköpfiges Vokalensemble und ein ebenso großes Sinfonieorchester die nötige Prise Bombast beisteuert. Mit dem mäandernden Post-Rock ihrer Anfangstage, der auf Festivals weltweit betrunkene Menschenmassen augenblicklich in selig schwankendes Seegras verwandelte, hat dieses mythisch aufgeladene und instrumental ausufernde Werk folglich kaum noch etwas zu tun. Statt eines Drumkits erklingt hier größtenteils eine eigens entwickelte Stein-Marimba als spärlich eingesetztes Perkussionselement und die stilprägende Kopfstimme des Sängers Jón Þór ‚Jónsi‘ Birgisson wird meist durch Chorsätze und die mantraartigen Kantaten Andersens ersetzt.

Mit „Odin’s Raven Magic“ wenden sich Sigur Rós also scheinbar endgültig und naserümpfend ab von trivialer U-Musik und verabschieden sich in jene Sphären der Hochkultur, in denen schlecht bezahlte Student*innen alten Menschen devot Sektgläser anreichen. Folgerichtig erscheint das Album auch nicht mehr beim Pop-Ableger von Warner, sondern bei Warner Classics, wo es sich neben so illustren Namen wie Jaroussky oder Barenboim ins Programm einreiht. Und wer weiß? Vielleicht wollten Sigur Rós dort auch schon immer hin. Zumindest entstand das Album bereits vor 18 Jahren – zu einem Zeitpunkt also, da die Band mit einer im Vergleich geradezu dezenten Musik Publikum und Presse allerorts in verträumte Schwärmerei versetzte. Bleibt abschließend also nur eine Frage: Warum erscheint „Odin’s Raven Magic“ ausgerechnet jetzt? Ein Hinweis liefert möglicherweise folgendes Statement des beteiligten Komponisten Hilmar Örn Hilmarsson:

Hrafnagaldur Óðins was an apocalyptic warning. Perhaps the people of the time felt it in their skins. Today, of course, Iceland is involved in environmental issues surrounding hydro-electric power and the destruction of the highlands. We are being warned again.

Zugegeben – zur effektvoll-mahnenden Untermalung von Bildern zerstörter Natur eignet sich „Odin’s Raven Magic“ tatsächlich ideal; auf dem Soundtrack zu Wes Anderson’s „The Life Aquatic“ kann man sich die Band in dieser merkwürdigen Teiletappe ihrer Karriere aber nicht mehr vorstellen. Leider.

VÖ: 04. Dezember 2020 via Krunk