Text: Bernd Skischally, 30. November 2021

6 plus 4 mal 2 geteilt durch 3 plus 2 plus G mal 20 mal 2 ­– ist gleich? Ein dummes Rechenspiel oder die vorläufige Bestimmung des Synästhesie Festivals in der Berliner Kulturbrauerei. Um Zahlen sollte es bei dem zweitägigen Live-Happening zwar nur nachrangig gehen, dennoch spielten Berechnungen bei allen Beteiligten diesmal eine unleidliche Rolle.

„Bis vor zwei Tagen wussten wir selbst noch nicht, ob das hier klappt“, wird Festivalgründer Alex „Olli“ Remzi zum Auftakt auf einer von drei Bühnen des Veranstaltungsortes zu Protokoll geben – sichtlich erleichtert und flankiert von dem britischen Underground-Tausendsassa Mark Reeder und Art-Brut-Sänger Eddie Argos, die ihm halfen, den historischen Kontext des Festivals abzustecken und etwas nostalgisch an damit verbundene Rock’n’Roll-Heldentaten zu erinnern („,Berlin is over‘, some people already said shortly after the fall of the Wall“). Manche davon spielten sich in der von Remzi ebenfalls erschaffenen 8MM Bar in Berlin-Mitte ab. Sie wird unter den Hauptstädtern und deren Gästen als Künstler-Hotspot verehrt, als Absturz-Spelunke gefürchtet und manchmal auch, naja, als abgekapselter Expat-Zirkel geschmäht. In jedem Fall sorgt die Bar für Reibung – und das Festival tat es ihr gleich zum nunmehr sechsten Mal.

Abgesehen von den wenigen pandemiebedingten Bandabsagen gab es für die Synästhesie-Besucher gleich nach der 2G-Plus-Ankunft good news: The Brian Jonestown Massacre wurden als Überraschungsact angekündigt. Bandboss und Wahlberliner Anton Newcombe gilt seit Langem als onkeliger Pate der 8MM Bar und, um es vorwegzunehmen, er ließ ein gefälliges Set aus neuen Songs performen, das leider insgesamt etwas hölzern daherkam. Erst kurz vor Ende des Konzerts blitzte die raumgreifende Genialität durch, die viele mit Newcombe und seiner Psychedelic-Big-Band verbinden. Aber der Gig war ja auch nur das Schmankerl. Insofern, no complaints!

Die Kuratoren des Synästhesie Festivals bedienten sich ansonsten wie gewohnt in den sich überlappenden Sparten Krautrock, New Wave, Psychedelic und Punkrock; dabei achteten sie diesmal ganz offensichtlich auf Geschlechterparität, leider noch immer absolut unüblich bei Rock-Events. Mit gutem Beispiel voran ging ausgerechnet die dienstälteste Band im Line-Up: Faust. Vier Frauen und vier Männer teilten sich die Bühne, wobei von der ursprünglichen Besetzung der Hamburger Krautrocker nur noch der ulkig-schrullige Sänger und Gitarrist Jean-Hervé Péron übrig war. Der stilprägende, bis vor Kurzem ebenfalls noch aktive Schlagzeuger Werner „Zappi“ Diermaier wurde ersetzt beziehungsweise vertreten durch eine hochbegabte 18-jährige Musikerin. Auch Pérons Tochter war mit am Start und hielt ihrem Vater mit Zweitgesang und viel Charisma den Rücken frei. Tight eingespielt und sichtlich gut gelaunt performte die Combo das 1973er Album „Faust IV“ mit dezent gehaltenen Streicher-Arrangements. Ein festlicher, anrührender Auftritt, der die Wurzeln des Synästhesie Festivals überdeutlich unterstrich.

Wem das zu viel Geschichtsstunde war, der hatte sich womöglich kurz zuvor bei A Place To Bury Strangers bereits einen Fuzzwar initiierten Tinnitus geholt. Ebenfalls begleitet von (zwei) neuen MitmusikerInnen bemühte sich Effektgeräte-Nerd Oliver Ackermann, dem Ruf als „lauteste Band New Yorks“ gerecht zu werden. Inklusive ausuferndem Strobo-Einsatz und dem – unter APTBS-Fans durchaus altbekannten – Gastspiel inmitten des Publikums. Trotz der Höhe des Konzertraums war das Noise-Gewitter sauber abgemischt, wodurch auch das Hitpotential der zugänglicheren Stranger-Songs voll ausgespielt werden konnte. Tags drauf eröffnete Ackermann das Fest im kleinsten Raum mit einer Solo-Noise-Performance – einer Art Impro-Werkschau seiner in Eigenregie gebauten „Death by Audio“-Effektgeräte. Maximal mögliche Verweildauer ohne Gehörschutz: acht bis zehn Minuten.

Mehr Hitpotential gab es bei Sei Still, deren deutscher Bandname lediglich auf ihren Krautrock-Einfluss verweisen soll, gesungen wurde auf Spanisch. Die Newcomer aus Mexico City, die seit einer Weile in Berlin wohnen und dort keine Party auslassen, spielten sich und ihr Publikum auf der zweitgrößten Bühne ordentlich in Rage. Der teils an Ian Curtis erinnernde Sänger Lucas Martin hüpfte gleich beim ersten Stück wie ein Flummi in die Menge und peitschte seine Crew durch 40 druckvolle Minuten. Selbst bei ruhigeren Stücken hielt die Spannung im Raum. Definitiv einer der besten Gigs des Wochenendes.

Auch die meisten anderen, neueren Bands nutzten die Gelegenheit, um auf dem letzten Berliner Rockfestival des Jahres zu punkten: allen voran das Girls-Trio Automatic aus L.A., die Shoegaze-Trio Errorr, Laura Lee & the Jettes – Solo-Projekt der Gurr-Sängerin – sowie Hello Pitty, die ihre wilde, noiselastige Psychedelic-Rock-Variation absagebedingt gleich bei zwei Auftritten präsentieren durften.

Dass an beiden Tagen euphorisch beschwipste Festivalstimmung aufkam, hatte sicher mehrere Gründe. Klar, eine Menge guter Shows waren die Grundvoraussetzung. Zwischen vielen Bands gab es zudem verbindende Elemente, was das Community-Feeling unterstrich. Offensichtlichstes Beispiel: der in Berlin ansässige, israelische Schlagzeuger Uri Rennert, der sowohl bei The Brian Jonestown Massacre als auch bei Errorr und den famosen Jealous den Groove über die Felle jagte. Die mit einer rotzigen Late-Night-Show aufspielenden Plattenbau (ebenfalls Berliner) liefen wiederum als frisch gebackene Schützlinge von Oliver Ackermanns Label Dedstrange Records auf. Und zu der Verbindung Anika und Beak> kommen wir gleich.

Familiär war auch der Vibe unter den Besuchern. Wenn man sich nicht eh schon kannte, weil man sich irgendwann in der 8MM Bar Bier über die Lederjacke geschüttet hatte, waren einem die anderen Synästhiasten rasch vertraut und sympathisch, sobald man einmal vor die Tür trat – etwa um zwischen den Bühnen zu wechseln oder um eine Bratwurst auf dem halbaufgebauten Weihnachtsmarkt der Kulturbrauerei abzugreifen (sic!). Dort, vor der Tür, sah man sich an beiden Tagen mit einem sehr konträren Kulturgebräu konfrontiert: Pöpelig gelaunte, dicht an dicht gedrängte Großraumdisko-Halbstarke, die in einen unbedeutenden Tanzclub in der unmittelbaren Nachbarschaft strömten. Dann lieber wieder rein in die freundliche, exklusive Nerd-Bubble, in der ein Mod ein Mod sein darf und man zu cool (oder zu alt?) ist zum Drängeln.

Anyways, kommen wir zu den Höhepunkten: Nur getrennt vom souverän und mit audiovisueller Eleganz aufspielenden, britischen Duo The KVB („…da willst’e einfach nur zu bumsen!“, Zitat einer Berlinerin) traten Anika und Beak> auf. Erstere wurde vor auch schon mehr als zehn Jahren mal von Portishead-Mastermind und Beak>-Drummer Geoff Barrow entdeckt und betrat die Bühne mit einem extrem gelungenen, zweiten Album im Gepäck. Hatte man bei früheren Shows von Anika oft das Gefühl, irgendwas passe nicht ganz, überzeugte die Deutsch-Britin beim Synästhesie auf ganzer Linie. Drei Musikerinnen legten der stets leicht entrückten Sängerin ein druckvolles Synth-Bass-Fundament, das sie mit ihrer mal gehauchten, mal aggressiv drängenden Stimme zu nutzen wusste. Zwischen den – fast ausschließlich neuen – Songs nuschelte sie launige, aber schwer verständliche Ansagen ins Mikro, nestelte an ihrem Notizbuch rum und gab Seufzer von sich, die klangen, als merke sie selbst, dass ihr hier vor genau dem richtigen Publikum eine ganz wunderbare Show gelingt. Anika, wie man sie schon immer mal sehen wollte.

Als letzte Band auf der großen Bühne spielten wenig später Beak> und in Sachen Launigkeit, macht dem Trio aus Südengland kaum einer etwas vor. Die Ansagen, speziell zwischen Geoff Barrow und dem Sänger und Bassisten Billy Fuller, wirkten auch diesmal oft wie puberprobte Comedy-Einlagen, wobei sie, anders als bei der letzten Berlin-Show, auf Beschimpfungen des Publikums weitestgehend verzichteten. Das Konzert selbst lebte von so viel Drive, Soul und History-Bewusstsein, dass es alle Anwesenden in einen rauschhaften Tunnel des melancholischen Glücks katapultierte und den Ruf der Band als definitiv großartigster Geheimtipp der Welt mehr als bestätigte. Was will man mehr im November des zweiten Corona-Jahres? Lockdown, sofort!