Text: Matthias Prawinski, 05. Februar 2021

Im dichten Netz derzeitig sprießender und bereits existierenden Post-Punk Bands nicht selbst kleben zu bleiben und somit unterzugehen, ist nicht einfach. Aber auch nicht lediglich denen vorbehalten, die es selbst gesponnen haben; sondern scheinbar auch denen, die den am globalen Missmut zerbrechenden Menschen eine helfende Hand reichen und Verbrüderung offerieren, ohne eine universelle Lösung gegenwärtiger sozialer, politischer und umwelttechnischer Probleme vorzugaukeln.

TV Priest, begeistert und entflammt von Sub Pop unter Vertrag genommen, besteigt mit ihrer neuen Platte die schon oft erstiegene Kanzel und lässt bereits verhallende Gardinenpredigten vorangegangener Künstler (The Fall, Idles, Fontaines DC) mit neuem Körper auferstehen. Aber nicht ohne einen eigenen, vielleicht nicht sofort greifbaren, Wesenszug durchblicken zu lassen.

Die vier Londoner – zusammengesetzt aus Charlie Drinkwater (Gesang), Alex Sprogis (Gitarre), Nic Smith (Bass und Keys) und Ed Kelland (Drums) – sind Freunde aus Kindheitstagen, haben bereits im Teenagealter zusammen musiziert, sind anschließend auseinandergedriftet, um sich 2019, aus einem unvermeidlichen Bedürfnis heraus wieder zusammenzutun und sich erneut der gemeinsam begonnenen Kreativität zu widmen; jedoch nicht ohne eine Fülle neuer Erfahrungen aus dem echten Leben und echten Jobs mitzubringen. Ein Blick, den sie als Teenager noch nicht kannten.

Ihr neues Album „Upper“ unterscheidet sich beim ersten Durchlauf zwar nicht wesentlich von den Platten der zahlreichen Genre-Kolleg*innen, dennoch stellt sich bei jedem Durchlauf mehr heraus, dass sich das Schürfen auf der alles andere als ergonomischen Oberfläche doch lohnt. Kantig-angezerrte Basslines, drückend-geradlinige Drums, sirrende Keyboards und Drinkwaters doch sehr ausgeklügelten Lyric-Lines samt seiner charismatischen Stimme lassen Großbritanniens schmutzige, wütende, vielreiche aber doch gegenwärtig etwas sedierte Post-Punk-Welt durch ihre pulsierend-groovigen Impulsen und einer unbändigen Energie wiederaufleben und setzen ohne Anzeichen auf Ermüdung selbstironisch und aufgebracht speiend das selbst auferlegte Erbe fort.

Ihrem Debütalbum vorangegangen ist das Video und Herzstück „Decoration“ (unter der Regie von Joe Wheatley), Sänger Charlie Drinwater dazu:

We often think of it as a ‘walking down the road’ song. I like you’re strolling along a street and lots of little vignettes of life are coming your way. The absurd in the mundane feels apt too. Once again this sense of a kind of late capitalism, Ayn Rand style ‘personal progression’ being an utter myth. It’s all just Decoration! Probably a favourite from the record.

Tja nun, auch ein Bürokalender-Spruch wie “…small boats can still make big waves” kann was für sich haben, das muss ich Charlie Drinkwater lassen.

VÖ: 05. Februar 2021 via Sub Pop Records