Von Tim Brügmann, 27. November 2020

„Was läuft hier falsch?“, schallt es einem um die Ohren und die Antwort lautet: Auf den nächsten 35 Minuten erstmal gar nichts. Denn mit „Zerlegung“ schicken Val Sinestra ihre zweite Planierraupe über die Befindlichkeit des Landes. Ihr mittlerweile zweites Album spricht die Dinge lieber direkt an und schlägt die Nägel in den Sarg übermetaphorisierter Deutschrock-Poeten.

Und doch ist „Zerlegung“ nicht zu einem schnell verhallenden politischen Statement geworden. Vielmehr schaffen es Chris, Sören, Max und Jan mit der Kraft von elf Tracks, die eigene Angepisstheit in schroffe Melodien, eigensinnige Tempo-Wechsel und freiheitsliebende Wohlfühl-Passagen zu tunken. Weniger Saufpunk, lieber klar formulierte Attacken auf eine bornierte Gesellschaft und eigene Unzulänglichkeiten. Und doch singt, nein schreit, „Zerlegung“ auch ein Loblied auf Rückgrat, Haltung und klare Ansagen.

Stand die Band vor rund drei Jahren noch „Unter Druck“, lässt das Quartett im Jahr 2020 noch etwas Platz für Gäste unterm Kessel. So bereichert Jo von Milliarden den Track „Königin“, während Vizediktator auf „Alltag“ alles, nur nicht das, mit in den Mix geben. Aber auch Fans von The Bronx oder Frank Carter werden auf „Zerlegung“ mehr als gut gebettet. Hardcore-Punk und abgefummelte Sticker auf zerkratzten Skateboard-Decks gehören ebenso zum Sound von Val Sinestra, wie Stage-Dives und ausufernde Moshpits. Da man letztere dieser Tage lange suchen muss, kommen die vier Berliner Kindl uns mit diesem Album gerade Recht. Im zerdellten Einkaufswagen den Schotterhügel herunterrasen und am Firmament verglühen? Das klang nie besser!

Vom Schweizer Kurort hin zur Berliner Punk-Institution ist es ein langer Weg, doch Val Sinestra haben mit ihrem zweiten Album „Zerlegung“ den Stein nicht nur vollends ins Rollen gebracht, sondern auch ein ganzes Stück weit den Berg hochgehievt. Scherben einsammeln und weiter gehts, denn hier darf noch lange kein Schlussstrich gezogen werden!

VÖ: 27. November 2020 via This Charming Man Records