Text: Nico Beinke, 10. Mai 2021

Sechs Alben mussten erst ins Land ziehen, 14 Jahre auf der musikalischen Walz, bis wir uns endlich begegnen. Es ist beinahe ein Drama epischen Ausmaßes, dass Will Stratton erst jetzt mein Leben bereichert. Fast fühlt es sich so an, als hätte ich ihn vermisst — jetzt wo ich ihn kenne, weiß ich, dass er mir gefehlt hat.

Klassischer Folk wie in „Infertile Air“, aber ebenfalls die vom Jazz beeinflusste Raffinesse Ryley Walkers und die perfekte Gitarren-Fingertechnik eines Steve Gunns wie in „Tokens“ — in dieser Konstellation wird Liedermacherkunst alles und jeden überdauern können. Sowie Bob Dylan seit 80 Jahren, seit 60 Jahren auf der Bühne und 30 Jahren „Dauer-Tournee“ nur gestoppt durch ein weiteres Naturereignis, beziehungsweise vorübergehend ausgebremst. Der Dylan-Vergleich ist ein ganz klein bisschen weniger an den Haaren herbeigezogen, als es den Anschein haben mag, da Will Stratton sich als Protestmusiker begreift und Dylan genau das einst war. Die Metamorphose vom schmächtigen Bohème zum hemdsärmeligen Erbverwalter des größten Protestsängers überhaupt: Woody Guthrie („This machine kills fascits“ stand auf seiner Gitarre geschrieben) – diese Wandlung war abrupt, aber sie ist am ehesten von den ganzen Dylans, die er wurde und einst war; der Dylan, der bleibt und der 1961 „Song to Woody“ sang. Will Stratton dialektische Regimekritik hingegen liest sich wie folgt:

As the oceans rise, I’ll love you / When the air gets thin, I’ll love you / If the fascists win, I’ll love you.

Diese leicht fatalistische Sicht der Lage erscheint verständlich, der gemeinsame Strohhalm bleibt die Beharrlichkeit, das Festhalten an Werten, die dem politischen Trend trotzen. Die Vortragsweise, ist die eines Mike Wexlers während „Dispossession“ von 2012, unaufgeregt, aber dabei eindringlich bis ins Mark. Die Instrumentierung klassisch, basierend auf Gitarre und Klavier. Gelegentlich blitzen Sun Kil Moon der Anfangsphase durch, als Onkel Mark (Kozelek) noch sang und nicht 20-minütige Geschichten erzählt und Fotobücher von Telefonzellen veröffentlicht hat.

Es ließe sich also schlussfolgern: Will Stratton klingt während „The Changing Wilderness” so, wie ich es mir von anderen, bereits erwähnten Interpreten, wieder wünschen würde. Also so, als würde ich nach Hause und endlich zur Ruhe kommen.

VÖ: 05. Mai 2021 via Bella Union