Arcade Fire – Everything Now
© Guy Aroch

Arcade Fire Everything Now

Der gewaltige Erfolg, den Arcade Fire mit ihren letzten beiden Alben hatten, muss sogar der Band selbst etwas unheimlich geworden sein. Zumindest feuerten Win Butler und Co. im Zuge der Facebook-Promo zur neuen Platte mit ihrer Inszenierung als „Everything Now Incorporated“ ätzend-ironisch gegen Kommerzspielchen und die Verwertung/Verwurstung erfolgreicher Künstler. Unter diesen Vorzeichen ist auch „Everything Now“ zu begreifen – allerdings ist das Album (wie sollte es anders sein) viel mehr als nur ein zynischer Metakommentar zum Musikbiz. Ehrlichkeit, „stop pretending“, das ist das viel allgemeinere, beherrschende Thema; es geht um innere Leere ebenso wie um die Angst vor dem Tod.

Musikalisch packt Arcade Fire diese tonnenschweren Inhalte in die wildeste Partyplatte der Bandgeschichte. War „Reflektor“ noch stilistisch kunterbunt, gibt sich „Everything Now“ viel straighter, beinahe formstreng. Beherrschend sind die Disco-Vibes, eine konsequente Vintage-Ästhetik, bereichert um die Segnungen moderner Produktionstechniken. In dieser künstlichen High-Gloss-Welt spielt die Gitarre nur eine Nebenrolle, Groove ist alles, und alles lebt von der Repetition. Teils verzichtet die Band kurzerhand kokett auf Melodien, teils muss sich der Hörer die zugrunde liegenden Harmonien selbst aus den pluckernden Instrumental-Versatzstücken zusammenklauben. Derweil versucht sich Win Butler als Rapper, Shouter, als irrer Demagoge. Das ist ebenso frustrierend wie erhebend – letzteres vor allem, wenn sich ein Song wie Peter Pan plötzlich erschließt und als fiepsendes, surrendes, todtrauriges Elektro-Kleinod zu erkennen gibt.

„Everything Now“ nach wenigen Hördurchläufen vernüftig zu beurteilen, ist unmöglich. Nennen wir es den Radiohead-Effekt. Prognose: Arcade Fires Fünfte ist ein echter Grower, ein mutiges, raues Album, das vielen Fans vor den Kopf stößt, und sich dennoch sehr bald in Dauerrotation in so manchem echten oder virtuellen CD-Player wiederfinden wird.

VÖ: 28. Juli 2017 via Columbia Records
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