Von Jan-Frederic Goltz, 31. Januar 2020

Meine Begeisterung für dubbigen Sound ist recht jungfräulich. Man gestatte mir eine Anekdote – wieso, weshalb, warum: Vor gut zehn Jahren wohnte ich einer Veranstaltung im mittlerweile leider geschlossenen Horst Krzbrg mit dem schönen Namen Wax Treatment bei. Zum Glück kann man sagen, denn der Flyer für die Party lag nämlich in der ach-so-typischen Plattenladen-Flyerecke und hatte dazu noch eine recht lieblose Gestaltung. Abgebildet war jedenfalls ein überdimensionales (jamaikanisches) Soundsystem, welches auf den japanischen Namen Killasan hört. Schöne Geschichte, wie komme ich darauf?

Erstens: Um Dub in all seinen Varianten und Formen vollends begreifen zu können, muss man mal vor einer meterhohen und bis unter die Decke gestapelten Anlage gestanden haben, die einen alleine schon beim Anblick ehrfürchtig erstarren lässt. Tieftöner, groß wie Autoreifen – so riesig, dass es rein physikalisch gesehen nahezu unmöglich ist 4/4-Techno abzubilden. Diese Ehrfurcht wird spätestens beim realen Einsetzen des Bassgewitters durch Respekt abgelöst: Lang anhaltende Tiefenfrequenzen, die bestimmt in der Lage sind, sich ihren Weg in bis dato unbekannte Partien des menschlichen Körpers bohren zu können.

Zweitens und vor allem deswegen: Der Soundsystem-Kontext ist meiner Meinung nach gar nicht mal so weit hergeholt, wenn wir über das vierte Album der Gruppe Automat, um die es hier eigentlich gehen soll, sprechen. Aber vielleicht wünsche ich mir auch nur insgeheim, ein solch gelungenes Album auf einer adäquaten Anlage konsumieren zu können.

Das deutsche Bands per se Dub können, sollte spätestens seit Rhythm & Sound aka Moritz von Oswald und Mark Ernestus (Hardwax) eigentlich kein Geheimnis mehr sein – zumindest was die technoide Variante des Dub-Sounds angeht. Und auch dieser Vergleich muss ebenso hier mit rein, denn Dub-Legende Paul St. Hilaire alias Tikiman hat seinerzeit bereits beim eben erwähnten Duo mitgemischt. Nun ist er ebenfalls bei Automat vertreten, dieses Mal als Gast Sänger beim recht krautig angehauchten Titel „Nothing Strange“.

Und wenn wir schon bei so etwas wie den Roots angekommen sind: die Mitglieder um Automat sind keineswegs Unbekannte, sondern, mit Verlaub, alte Hasen aus allerlei musikalischen Sub-Genres, die sich auf den gemeinsamen Nenner Namens Dub verständigen konnten. Jochen Arbeit (u.a. Gitarrist bei Einstürzende Neubauten), Achim Färber (bekannt von Phillip Boa & The Voodoclub) sowie Georg Zeitblom (wittmann/zeitblom) stecken sich gemeinsam mit ihren Gastmusikern im wahrsten Sinne des Wortes modular für ihr Album neu zusammen.

In dieser schöpferischen Konstellation gelingt es Automat durchaus raffiniert den ursprünglichen Dub-Sound in die Jetztzeit zu transportieren, ohne dabei dem Kitsch oder gar dem Offensichtlichen zu verfallen. Geschickt wird in jedes der acht Stücke eine kleine Prisen fremder Genres eingestreut, ohne dass diese in irgendeiner Art und Weise deplatziert wirken. Vielmehr flechten sich diese musikalischen Akzente und Anekdoten in die langsam treibende Dub-Ur-Suppe mit ein. So klingt der Titel „Ghost“ fast wie eine Knef-Huldigung, die in Wahrheit von Mika Bajinski gesungen wird – total verrucht und super elegant – habe ich so noch nie gehört und begeistert mich nachhaltig. Dazu zarte Melodien, die fast schon Slow Motion Italo Disco Flair haben, nur eben mit viel Dub und Echo. „Ankaten“ hingegen, mit kraftwerkesken Melodien oder „Who For Eyes“, welches mit bohrenden Synths und Robot-Voice daherkommt. Der Titel „Pavo“ ist so laid back und komplettiert die Mehrschichtigkeit des Albums und der einzelnen Module der Platte nur umso mehr.

Kurzum: Automat wird für die Dub-Experten unter euch kein großes Geheimnis mehr sein und sollte somit zum Pflichtprogramm gehören. Für Menschen, die sich dem Sound nähren wollen, ist „Modul“ die perfekte Balance aus „Kenne ich irgendwoher“, aber was ist das Bitteschön für ein geiler „Riddim“?

VÖ: 31. Januar 2020 via Compost Records