Von Nils Hartung, 30. August 2019

Es gibt derzeit nur wenige Künstler in der langen Liste von zeitgenössischen US-Songwritern, die gleichsam lässig und tiefschürfend mit der allgegenwärtigen Identitätsfrage zu jonglieren wissen wie Ezra Furman. Seit seinem Solo-Debüt fordert der Multikünstler sein unheilvoll hoch gespanntes Drahtseil zwischen Selbstfindung und Selbstauslöschung zu immer wilderen Tänzen heraus – so lange bis auch der letzte staunende Zuschauer jegliche Grenzziehungsautomatismen im Schwindel über Bord wirft.

Insofern überrascht es wenig, dass „Twelve Nudes“ wieder einmal einem komplett anderen Duktus folgt, als man es nach der düsterhellen „Tansangelic Exodus“-Saga erwarten durfte. Wer nach einigermaßen übergreifenden Konstanten in Furmans Musik sucht, dem kommen die Doo-Wop Schubidu-Chöre im Opener „Calm Down aka I Should Not Be Alone“ gerade recht. Ansonsten wird auf „Twelve Nudes“ einfach alles auf Punk gebürstet, was Furman und seiner Band vor die Flinte kommt.

26 Minuten Gesamtspielzeit lassen keinen Platz für Umschweife: Wer etwas zu sagen hat, möge es bitte direkt und mit möglichst viel Distorsion auf den Tisch knallen. Und, ja: Ezra Furman hat auf „Twelve Nudes“ eine Menge zu sagen. Sogar soviel, dass ihm im Kampf gegen unerbitterlich bretternde Gitarren nicht selten die Stimme versagt. Wut will einfach nicht gesungen werden; Sie will kläffen und kratzen wie ein räudiger Straßenköter. Bestes Beispiel: „Rated R Crusaders“. Auch beim einzigen Moment zum Durchamten („I Wanna Be Your Girlfriend“) wird noch der kleinste sich regende Zweifel wie ein zuckender Muskel im Selbststudium seziert:

But me, I got just one ambition
I sit around all day wishing
that the real me might be the one you want.

Und wenn den Schreiber dieser Zeilen blitzartig der Gedanke durchzuckt, dass Ezra Furmans größte Konstante vielleicht die Einsicht sein könnte, dass keine noch so schillernde Identitätsmaske uns vor dem Biest im Innersten schützen kann, dann klatschen Katharsis und Wahnsinn dem Künstler Applaus.

16.11.2019 Köln – Luxor
17.11.2019 Berlin – Festsaal Kreuzberg
23.11.2019 Hamburg – Molotow

VÖ: 30. August 2019 via Bella Union