Von David Maneke, 05. Juli 2019

Nun ist es also soweit. Nach den beiden Vorabsingles „HKI-97“ und „Crossroads“ erscheint am heutigen Tage Haleiwas auf Albumlänge ausgedehnte Rede zur Lage der Nation Welt, „Cloud Formations“. Der Name, das hatten wir bereits, beruft sich nicht auf simple emotionale Träumerei und das etwas abgenutzte Bild von Wolken als Smybole unerreichbarer Fantasiewelten, er gibt uns vielmehr eine Idee davon, wie Mikko Singh die Welt derzeit wahrnimmt – nämlich nach wie vor Wolkenverhangen. So ganz konkret benennt er nicht, was ihn so nüchtern auf die Lage blicken lässt. Aber es braucht weder sonderlich viel Kreativität, noch Empathie um nicht wenigstens ein vages Gefühl der Verbundenheit zu in sich zu entdecken.

„Crossroads“, das zeigt sich im ersten Hören, hat keine falschen Erwartungen geweckt. Der Song wandelt irgendwo auf der Grenze zwischen Modern Psychedelia Spotify Hit und meditativem Schweigen und reißt damit die musikalischen Pole des Albums an – es ist ein Wechselspiel zwischen etwas gefälligeren, nun ja, „Hits“, und schrammeligen, geruhsamen, manchmal sachte sperrigen Meditationen, die in die sphärischeren Bereiche von Surf/Kraut/Psychedelia gehen. Thomas Mannsche Textumfänge kann man Mikko Singh nun wahrhaftig nicht unterstellen, er reduziert sich auf das Minimum.

Überhaupt, Reduktion. Ich gebe zu, dass die Konzentration auf „künstlerische Prinzipien“ nach mehreren Hundert Jahren Karriere innerhalb der Kritik so langsam ein wenig altbacken daher kommt, vielleicht oft unnötig verkopft wirkt und überhaupt so ein Diskursmuster ist, das nicht immer und überall inklusiv wirkt – doch im Falle von „Cloud Formations“ möchte ich es dennoch bemühen. Denn eben diagnostizierte Reduktion findet sich in jedem Takt des Albums. Sie wirkt am stärksten im Kontrast, dort wo sie gebrochen wird; das ist Teil des Deals. Diese Eigendynamik macht sich Singh erstaunlich souverän zunutze und arrangiert sie zu einem dicht gewebten Atmosphärischen Netz. Wohlig monotone Klangteppiche werden ab und an durch musikalische Emotionsausbrüche unterbrochen, die dann umso heftiger wirken; als würde (er tut es nicht. Oder?) Singh genau hier die Parabel zum Lebensgefühl eines subkulturellen Twentysomethings komponieren: wir finden uns in die Situation schon ein, machen es uns einigermaßen bequem, merken ab und an aber doch dass wir uns eingelullt fühlen und wann immer wir die Energie finden, begehren wir kurz auf.

Nun, das ist nicht mehr als eine gefühlsuntermauerte Deutung, die aber doch an einem ästhetisierten Zeitgeist andockt. Denn in „Cloud Formations“ kann man es sich sehr schnell bequem machen, sofern man auch nur einen leichten Hauch vager Melancholie in sich findet. Das Album wirkt über seine Atmosphäre, navigiert mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen den Stimmungslagen des Kontemporären. Und Mikko Singh beweist ein ganz genaues Auge und eine klare und reife Vorstellung davon, wie sich die Erkenntnisse in Musik einfangen lassen. „Cloud Formations“ kommt ohne überzogene Euphorie aus, gefällt sich aber auch niemals in allzu elitärer Unterkühlung. Diese Trittsicherheit macht „Cloud Formations“ zu einem beeindruckenden chronistischen Kleinod. Die klare Wertung kriegst du hier nicht, aber selten wurde eine so komplexe Stimmung so präzise eingefangen.

VÖ: 05. Juli 2019 via Morr Music