Von Christoph Walter, 12. November 2020

Mitte der Nullerjahre lag man nicht ganz daneben, wenn man auf die Frage nach der wohl besten Band der Welt mit Herman Dune (oder eben in der damals noch gebräuchlichen Schreibweise „Herman Düne“) antwortete. Immerhin machte die Anti-Folk-Truppe, bei der man nie so recht wusste, aus welchem Land sie eigentlich stammt (neben Frankreich wurden immer gerne auch Schweden, die USA oder Israel genannt) und wer fest dazugehört oder nur zu Gast ist (über die Jahre tummelten sich so illustre Gestalten wie Kimya Dawson, Turner Cody, Jeffrey Lewis, ein Großteil der Wave Pictures sowie Beirut-Trompeter Kelly Pratt im Umfeld von Herman Dune), so gut wie alles richtig. Ein Album nach dem anderen haute die Band raus und dabei war kein Label zu obskur, keine DIY-Covergestaltung zu krakelig, kein Reim zu schief und keine Gitarre zu schrammelig. Weltklasse!

Irgendwann nach dem kleinen Durchbruch mit dem 2006 erschienenen Album „Giant“ mit Über-Songs wie „I Wish That I Could See You Soon“ und „1-2-3 Apple Tree“ kam der Band dann André Herman Düne abhanden, der als Songschreiber einige der besten Stücke verantwortet hatte und fortan als liebenswerter Kauz unter zahllosen Künstlernamen wie Stanley Brinks durch die Lande zog. Sein Bruder David-Ivar „Yaya“ Herman Düne und Neman Herman Düne machten auf ähnlich hohem Niveau weiter, wobei inzwischen auch Letzterer nicht mehr dabei ist.

Der langen Rede kurzer Sinn: „Notes From Vinegar Hill“, das neue Album unter dem Namen Herman Dune, könnte eigentlich genauso gut ein weiteres Soloalbum von David-Ivar Herman Düne sein, wie vor ein paar Jahren zum Beispiel „Black Yaya“ eines war. Natürlich gibt es auch jetzt wieder ein paar Stücke, die den alten Sound von Herman Dune heraufbeschwören, wie „Ballad of Herman Dune“ mit dem herrlich schiefen Sprechgesang oder „PS I Could Have Done Great Things“, das wie eine gedrosselte Version von „Lovers Are Waterproof“ vom 2008er Werk „Next Year In Zion“ klingt. An anderer Stelle lässt vielleicht höchstens noch die charakteristische Stimme erahnen, dass man es tatsächlich (zumindest zum Teil) mit den alten LoFi-Heroen zu tun hat. Der Qualität tut das indes keinen Abbruch, denn gerade der Auftakt von „Notes From Vinegar Hill“ ist ganz hervorragend gelungen. „Say You Love Me Too“ mit seinen satten Bläsersätzen und dem Background-Chor huldigt dem lässigen Bob Dylan der 70er Jahre, während der Hillbilly-Schunkler „Freak Out Til The Morning Dew“ an die frühen Felice Brothers erinnert. Abgesehen davon ist „Notes From Vinegar Hill“ ein charmantes Sammelsurium verschiedenster Stilrichtungen. In „Scorpio Rising“ etwa wird zu Westcoast-Sound gejodelt und das glamrockige „Mookie Mookie“ hätte sich früher in jedem Autoscooter bestens gemacht.

Der anarchistische Geist von Herman Dune lebt also immer noch weiter — auch wenn der Spuk inziwschen nicht mehr ganz so effektvoll ist.

VÖ: 06. November 2020 via Santa Cruz Records / BB*ISLAND