Von Bernd Skischally, 16. September 2019

Es ist eines dieser Alben, bei denen einem der Kopf vor lauter popkultureller Referenzen schwirrt als wäre er ein hyperventilierender Bienenstock. Das liegt vor allem an der Sängerin, der Französin Emmanuelle Seigner, die hierzulande eher als Schauspielerin bekannt ist – mit Filmen wie „The Diving Bell and the Butterfly“, „Frantic“, „Danger: Diabolik“ oder „Die neun Pforten“. Weniger bekannt sind ihre Werke als Sängerin, darunter auch ungewöhnliche musikalische Kollaborationen wie die mit Bela B beim Song „Liebe und Benzin“. Außerdem hat Seigner keinen Geringeren als Roman Polanski als Ehemann, dessen verheerende Begegnung mit den Charles-Manson-Freaks gerade erst im neuen Film von Quentin Tarantino durch den Meta-Fleischwolf gedreht wurde.

Seigners Mitstreiter in der Band L’Épée – französisch für: das Schwert – sind zum Glück ebenfalls nicht ganz unbescholten: zum einen wären da die French-Garage-Eheleute von The Limiñanas und zum anderen der kalifornische Wahlberliner und Psychedelic-Pate Anton Newcombe, der mit seinem Zögling Tees Parks ja schon zu Genüge bewiesen hat, dass er auch ohne ein Dutzend jeansbejackter, siffiger Rocker auf der Bühne, sehr gut klar kommt. So vielversprechend sich das alles auf dem Papier liest, so bezaubernd klingt zum Glück auch das tatsächliche Ergebnis dieser – laut Labelbeschreibung – „bilingualen und cross- kontinentalen“ Zusammenarbeit. Oder sagen wir Supergroup?

Gesungen und gesprochen wird auf „Diabolique“ überwiegend auf Französisch, nur hier und da auf Englisch. Aber, wie Seigner einem gleich beim Eröffnungstrack „Une Lune Étrange“ beschwörend und leicht verständlich eintrichtert: „I don’t care“. So verschwimmen dann auch schnell, wie es sich für ein vorzügliches Psychedelic-Album gehört, repetitive Schlagzeug- und Bassmotive mit Gitarren- und Gesangsmelodien zu einem großen, wabernden Ganzen. Man nickt und zappelt, tanzt und nickt. Unaufhörlich.

Dass sich im Falle von L’Épée von „Garage, Ye-Ye, Sleaze Rock“ über „Soundtracks, Sci-Fi, Western“ bis hin zu „Girl-Group“ und „Pop-Noir“ allerhand verschiedener, psychverwandter Stile heraus hören lassen, wie die Band behauptet, kann man nicht bestreiten. Dabei hält Anton Newcombes unverkennbare kompositorische Handschrift den ganzen Laden sehr leichtfüßig zusammen. Einige der Songs auf „Diabolique“ würden sich auch ohne Weiteres sehr gut auf einem Album von The Brian Jonestown Massacre machen, etwa „Lou“ oder „Ghost Rider“. Womöglich wären sie, dank Seigners betörender Geisterhaftigkeit, dann sogar echte BJM-Überraschungshits. Aber eh egal, neue Bands braucht das Land, braucht Europa und L’Épée braucht es unbedingt, ob man jetzt dieser schönen Sprache mächtig ist oder nicht.

„Ich habe einen Theater-Background“, sagt Emmanuelle Seigner in einem Interview mit dem Guardian und neigt damit leicht zum Understatement, entstammt sie doch einer Art Schauspieler-Dynastie. „Aber ich bin auch mit Lou Reed, The Stooges und den Rolling Stones aufgewachsen. Ich wollte immer schon in genau so einer Band spielen, habe dann aber mit 14 mit dem Modeln angefangen und mein Leben hat erstmal einen ganz anderen Verlauf genommen.“ Es hätte schlimmer kommen können, siehe Frau Klumm, die nur ein paar Jahre jünger ist als Seigner. „Wir leben kulturell ja in sehr engstirnigen Zeiten, da fühlt es sich gut an, gegen den Strom zu schwimmen“, sagt Anton Newcombe und betont: „Es hat absolut etwas Positives, sich zu verzweigen, zusammenzuarbeiten und dabei Risiken einzugehen.“

28.11.2019 (CH) Zürich – Rote Fabrik
29.11.2019 (CH) Lausanne – Les Docks

VÖ: 06. September 2019 via A Recordings