Von Alex Schulz, 04. November 2020

Die Liste der brauchbaren bis genialen isländischen Künstler ist bekanntermaßen lang. Bei einer Einwohnerzahl vergleichbar mit der Stadt Bielefeld stellt sich über kurz oder lang die Frage, wie viele internationale Durchbrüche die auf der abgelegenen Insel lebende Gesellschaft überhaupt noch fabrizieren und verkraften kann. Außerdem: wie hoch muss wohl der Anteil an Künstlern im kleinen Kosmos Islands sein?

Ohne eine Zahl parat zu haben, kann man unterstellen, dass dieser exorbitant hoch sein dürfte. Vielleicht liegt es ja im isländischen Naturell, geprägt von Demut und Bewunderung gegenüber den magischen Landschaften und den Kräften der Natur, dass die Bewohner des Eilands besonders oft von der Muße geküsst werden. Zweifellos wird unter den heimischen Musikern die Mehrzahl ausschließlich auf dem für unsere Ohren geheimnisvoll angehauchten, perfekt zur Umgebung passenden Singsang der isländischen Sprache musizieren. Viele Bands legen es sicherlich nicht einmal auf eine Karriere außerhalb der Inselküsten an.

Daher rührt, das talentierte Bands wie Mammút (längst Stars in ihrer Heimat) hierzulande erst über zehn Jahre nach Gründung an der Nordsee angespült werden. Als treibende Kraft sind gut vernetzte Produzenten sowie das erste englischsprachige Album „Kinder Versions“ aus 2017 auszumachen. Positive Erststimmen sowie restlos überzeugende Auftritte bei Formaten wie „Live on KEXP“, machten die Indie-/Prog-Rockband auch in hiesigen Gefilden zum Geheimtipp.

Nun ist mit „Ride The Fire“ das zweite Album in englischer Sprache herausgekommen. Die Stimme von Sängerin Katrína Mogensen erinnert hier und da an Islands Grande Dame Björk, genauso wie das neue Album auch nicht mit opulent angelegten Arrangements und einer gehörigen Portion Pathos geizt. Trotz des Sprachwechsels bekommt der Hörer folglich ein Album, so isländisch, wie es nur sein kann. Leitthema ist die Magie der Vulkaninsel. Von Astrologie über Religion bis Zauberei reicht die Palette, die Mogensen und Co. verspielt in ihre Songs einweben. In Erwartung an das Thema wäre es legitim, sich ein langsam entwickelndes Kopfkino zu den Landschaften des Inselstaats vorstellen – eine Musik à la Ólafur Arnalds im Gewand des Indie- bzw. Prog-Rock. Doch weit gefehlt. Denn es geht schon auf dem Opener deutlich mehr zur Sache. Eine immer wieder rotzig angerissene Gitarre leitet durch ein, für Mammúts Diskographie recht poppiges, zugängliches Lied. Wären die Instrumentals nicht so vielschichtig (ein Markenzeichen der Band), hätten eine Handvoll Tracks melodisch auch bei einer Platte der Landsleute von Of Monsters And Men ihren Platz finden können. Aus den zehn pompösen Albumtracks stechen „Prince“ und „Forever On Your Mind“ als abwechslungsreichste Produktionen in einem bereits sehr abwechslungsreich komponierten Album heraus.

Insgesamt bekommt der Weltmarkt eine experimentell aufgeladene Platte, die es dennoch schafft auch leicht und melodiös zu klingen. Beim wiederholten Hören gibt es dabei immer wieder etwas Neues zu entdecken. Detailverliebtheit wie bei einem guten Film, den man immer wieder schauen kann!

VÖ: 23. Oktober 2020 via Karkari Records