Von Jan-Frederic Goltz, 08. Juli 2020

Zwei improvisierte Stücke auf der Klarinette, zeitverzerrt im Raum (frei übersetzt). Der Titel der EP wirkt konkret und sachlich wie eines dieser Schildchen, die in Museen immer neben den Kunstwerken an der Wand bappen und über Künstler*innen, Werk, Titel, Entstehungsjahr und verwendete Materialen informiert. Da steht se dann da, die Künstlerfachwelt. Krumm gebückt, den Gleitsichtbrillenbügel im Mundwinkel (igitt) und beim wieder gerade machen wird oft ein wissender aahhmmhhh-Laut von sich gegeben. Vielleicht als Signal für Außenstehende, dass man den Künstler, die Künstlerin, nun wirklich auf allen Ebenen verstanden hat. Oder als Ausdruck dafür, dass man noch verwunderter ist, als vorher. Ich frage mich ja oft — muss man denn eigentlich alles verstehen? Soll man denn immer alles begreifen, was wir rezipieren?

Eigentlich witzig, dass mir diese (Kunst-)Museums Anekdote ausgerechnet bei der Interpretin Museum Of No Art einfällt. Hinter diesem Pseudonym steckt übrigens Mona Steinwidder, die den aufmerksamen Leserinnen und Lesern dieser Plattform keine Unbekannte sein sollte — sei es im Kontext und Stimme der Band Me Succeeds, Christian Löffler oder ihrem weiteren Alias Mohna. Apropos Me Succeeds: Die EP „Improvisations On Clarinet And Time-Stretched Space“, um die es in diesem Text eigentlich gehen soll, ist bereits die dritte Veröffentlichung auf dem jüngst ins Leben gerufenen Label ststst — Steinwidder Strohm Sound Therapies.

Ein Label mit Programm: It’s not about expectations or productivity but about diving into meditation. Aus meiner Sicht vermittelt und verkörpert ohnehin kein anderes Musikgenre – ich denke hier an Ambient – genau diesen Zustand des nicht-verstehen-müssens besser. Vielmehr geht es um ein Zeitfenster, in dem sich alles um einen herum löst und man frei in Raum schwebt. Eine Art Schlupfloch in der Realität. Fast wie im Mutterleib, auch wenn man sich nur schwer bis gar nicht daran erinnern kann. Aber die fast wie Walgesang anmutende Klarinette hilft immens bei der Vorstellungskraft. Probiert es aus! Repetitive Loops und meditative Soundscapes fügen sich zusammen zu einem großen, tollen Etwas. Verformte Klangcollagen, gepitched, gelayered und gestreched auf zweimal 15 Minuten, ergibt sich eine Art Urspuppe in der sich hervorragend entspannen, vergessen und im undefinierten Raum dahin schwelgen lässt. Ein gelungenes Debüt, im Museum ohne Kunst – aber dafür mit viel können.

VÖ: 10. Juli 2020 via Steinwidder Strohm Sound Therapies