Von Alex Schulz, 18. September 2020

Yee-haw! Einen gekonnten, vor allem aber kritischen Ausritt in den Wilden Westen liefert mit seinem neuen Album einer, der es wissen muss: Nicholas Merz, aufgewachsen zwischen Country-Musik und Möchtegern-Cowboys, vor einem Working-Class-Hintergrund in einer abgehängten Kleinstadt.

Doch Merz emanzipierte sich aus einem Umfeld, dass beispielhaft wie so viele andere Lebensumstände (auch hierzulande), eher Treibsand statt Fundament für ein junges Leben darstellte. Seine Wurzeln infrage zu stellen, ist kein einfacher Prozess. Zu viel der eigenen Identität hat sich aus frühzeitigen Erfahrungen geformt und sollte, so Merz, ebenfalls nicht verdrängt werden. Der Singer-Songwriter lässt diese Erkenntnis glücklicherweise nicht als plumpe Binsenweisheit dastehen, sondern widmet seine musikalische Solo-Karriere eben dieser Emanzipations- und Identitätsfrage.

Seine Musik ist geprägt vom Country, er konfrontiert sich folglich selbst jedes Mal im Studio und auf der Bühne damit; gleichzeitig schreibt er das Genre jedoch nach seinen Werten um: Vor dieser Kulisse ist Nicholas Merz ein Poet mit dem unmittelbaren Mitteilungsbedürfnis eigener Botschaften an seine alte Heimat. Merz neuer Song hat hörbare Anleihen von Nick Cave. Textlich verpackt in Avant-Garde-Poesie, die erzeugte Stimmung wohl auch passend für einen David Lynch Kurzfilm, und dabei alles live eingespielt ohne Post-Produktion.

„Midnight Movement“ heißt das neue, und von Michael T Workman verfilmte Stück. Der Regisseur hat den gleichen Hintergrund wie Merz. Er hat ein Interesse daran den Lebensstil der festgesessenen Kleinstädter mit ihrer nostalgischen, vor allem aber romantisierten Wild-West-Kultur zu hinterfragen. Rassismus und Sklaverei, Genozide an der indigenen Bevölkerung, Ausbeutung der Natur und der Arbeiter im Goldrausch liegen als schweres, aber verkanntes Vermächtnis auf den mittleren Weiten Amerikas. Merz und Workman nehmen sich aber auch verständnisvoll derer an, die ihr eintöniges Leben in einer wirtschaftlich unbedeutenden Gegend mit einer makelloseren Vorstellung ihrer Heimat aufwerten wollen (und dies vielleicht auch müssen).

Klar ist jedoch: Yippy-aye-ay war einmal. Eine neue Sicht der Dinge schaffen die Platten des urbanen Cowboys Merz. Schon auf dem letzten Album „The Limits of Men“ behandelte er ein so gewichtiges, wie eindeutiges Thema mit Heimatbezug: die toxische Männlichkeit (ruraler Cowboys). Beim Nachfolger ist es das Loslassen. Albumtitel: „God Won’t Save You, But I Will“ – Ein direkter Wink in Richtung Heimat?

VÖ: 09. Oktober 2020 via Aagoo Records