Von Christian Selzer, 10. April 2020

Klar geht’s auch einfach, wäre aber langweilig. Sean Bowie, besser bekannt als das große Pop-Enigma Yves Tumor, mag es daher am liebsten verrätselt. Seine Ästhetik ist mythisch, seine Musik schwer greifbar und die Lyrics kommen selten ohne doppelte Böden aus. Künstler-Personas wechselt der gender- und genrefluide Musiker häufiger als der US-Präsident seine Meinung zur Corona-Krise. Nach seinen Rollen als Experimentalfrickler, Soul-Hohepriester und New-Age-Guru transformiert Yves Tumor auf seinem vierten Album „Heaven To A Tortured Mind“ zum Rockstar. Oder besser: zum Anti-Rockstar. Denn testosterongesteuertes Machogehabe entkräftet Tumor schon alleine damit, dass er tradierte Geschlechtergrenzen einreißt wie ein Bagger Papierwände.

Gleich der Album-Auftakt ist hitzig und rasend wie ein Fiebertraum: In „Gospel for a New Century” schmettern Bläser trotzig über rohe Drumloops, während Tumor mit aufgekratzter Stimme und gehörig Pathos eine zerbrochene Beziehung besingt. Sehenswert ist auch das zugehörige Musikvideo, in dem der dämonische Anführer seine Gefolgschaft lasziv zu Laster und Ekstase verführt. In „Medicine Burn” wird ein breitbeinig sägendes Fuzz-Riff so lange von Noise-Gewittern bearbeitet, bis es von jeglichem Mackertum befreit ist. Und nach „Kerosene!” könnte man fast glauben, der leibhaftige Prince hätte sich die letzten Jahre nur in einem Luftschutzbunker versteckt, um pünktlich zur Pandemie der darbenden Menschheit mit Funk-Grooves und -Riffs neue Lebensgeister einzuhauchen.

So viel Melodie und Eingängigkeit war noch nie auf einem Album von Yves Tumor. Doch obwohl er elektronische Samples gegen Schlagzeug, Bass und Gitarre eingetauscht hat, bleibt er ein großes Mysterium. „Heaven To A Tortured Mind“ ist ein Meisterwerk aus der Hexenküche des Pop, auf dem die diabolische Freude am Experiment bei jedem Ton mitschwingt.

26.05.2020 Berlin – Gretchen

VÖ: 03. April 2020 via Warp Records