Von Alex Schulz, 24. November 2020

Der Soundtrack eines Ayahuasca-Retreats in einer Lodge im Nirgendwo des Dschungels. Gebucht von Großstadt-Millennials auf der Suche nach sich selbst, mitten auf der Flucht aus ihrem stressigen Alltag. So ließe sich der selbstbetitelte „Computer Folk“ der Künstlerin anrimeal zielsicher einordnen. Das neuartige Subgenre ist die Vertonung einer Symbiose mit der sich im 21. Jahrhundert zunehmend mehr Menschen identifizieren werden: Naturverbundenheit und Spiritualität auf der einen, Tech-Business und -begeisterung auf der anderen Seite.

Die Portugiesin Ana Rita de Melo Alves hat sich der musikalischen Untermalung dieses Lebensgefühls verschrieben und dazu in ihrer Wahlheimat London ein der Entschleunigung gewidmetes DIY-Label namens Demo Records gegründet. Ziel: ein Sammelbecken für Artverwandtes, für Künstler, die wie sie Bedroom-Music mit geringen Mitteln zuhause aufnehmen.

anrimeal (im Übrigen einfach ein Akronym aus Ana Rita de Melo Alves) liefert mit ihrem Album „Could Divine“ typisch langsamen, aber psychedelisch bis freaky angehauchten Folk gepaart mit Klängen aus der Natur, etwa ein klassisches Vogelgezwitscher. Gerade durch die allgemein sehr klare Aufnahmequalität, gelingt es ihr auf Seite der Instrumentals einen restlos entspannten, aber interessanten Ambient-Soundtrack zu schaffen. Ihre Vocals hinken in der Qualität nur leider hinterher. Sie sorgen zwar für einen passend psychedelischen Einschlag, diesem werden aber wohl eher Ayahuasca-Urlauber*innen kurzzeitig etwas abgewinnen können. In den meisten anderen Momenten wirkt die Stimmaufnahme eher anstrengend, denn befreiend. Ist der Gesang dagegen wie beim Titeltrack „Could Divine“ via Vocoder elektronisch verzerrt, sollte das Konzept auch für das breitere Publikum aufgehen.

Vielleicht will anrimeal die Masse ja aber auch gar nicht erreichen. Festzuhalten wäre trotzdem das Potenzial eines womöglich neugeborenen Genres, dass dem Zeitgeist entsprechend den einen oder anderen Nerv treffen wird.

VÖ: 20. November 2020 via Crossness Records