Text: Julian Tröndle, 29. Januar 2021

The Notwist sind vermutlich der einzige aktuelle deutsche Indie-Export, der auch abseits der hiesigen Szene einen amtlichen Legendenstatus inne hat. Dies hat nicht nur mit dem charmant intonierten Englisch von Markus Acher zu tun, der die deutsche Ingenieurskunst ihrer detailverliebten Musik für internationale Hörer*innen sprachlich zu beglaubigen scheint; mit ihrer feinstofflichen Textur aus Krautrock, Folk und Electronica feilt das Trio seit nunmehr über drei Dekaden an einem Sound, der trotz offenkundiger Freude am Experiment immer auch ein Herz fürs Hymnische hatte und der in dieser Kombination einigermaßen unverwechselbar daherkam. Sieben Jahre nach ihrem letzten Lebenszeichen meldet sich das Projekt rund um die Brüder Acher nun mit einem Album zurück. Und auch dieses Mal machen sie wieder ziemlich alles richtig.

Dass ihrer Herkunft hier gleich zu Beginn so viel Platz eingeräumt wird, wäre der Band aber vermutlich gar nicht recht. Auf „Vertigo Days“ versuchen sie nämlich so einiges, um vorschnellen kulturellen Zuschreibungen zuvorzukommen. Eine ihrer Strategien hierfür ist offenkundig die Expansion des Stammtrios durch diverse Stimmen der internationalen Pop-Avantgarde. Um ihre Japanophilie wusste man bereits durch das Nebenprojekt Spirit Fest, deren Mitglied Saya nun auch auf einem Song des neuen Albums vertreten ist. Der Wille zur transkulturellen Kooperation ist auf „Vertigo Days“ aber nicht lediglich ein bi-, sondern ein multilateraler: So ist an einer Stelle beispielsweise auch die Argentinische Songwriterin Juana Molina als nervöser One-Woman-Chor zu hören („Al Sur“), während andernorts der US-amerikanische Jazz-Trompeter Ben LaMar Gay eine Scott-Heron-artige Litanei beisteuert („Oh Sweet Fire“). Stets jedoch bleibt dabei die bandtypische Handschrift intakt, die die transkulturellen Ambitionen wieder oberbayrisch grounden: Die hochtönigen Percussions als kalkulierte Lo-Fi-Nebelkerzen im Hi-Fi-Kontext; die mittels Analogfilter evozierte Melancholie in Markus Achers Stimme; die betörenden Hooks inmitten krautiger Redundanz. Selbst der extrovertierten Free-Jazz Klarinettistin Angel Bat Dawid gelingt mit ihrem Gastbeitrag („Into The Ice Age“) keine Dekonstruktion dieser bewährten Formel.

So bleibt das neue Album „Vertigo Days“ trotz avantgardistischem Impetus letztlich eben auch ein konservatives Unternehmen, das die bewährte Band-Alchemie durch die Gastbeiträge nicht überformen, sondern nur homöopathisch variieren will. Stören tut man sich an diesem ästhetischen Konservatismus indes nicht: Denn selbst nach 30 Jahren Bandgeschichte bleibt der charakteristische Notwist-Sound auch hier ein unverwechselbares Unikat, auf das das einigermaßen abgedroschene Bonmot Jean Jaurès‘ ausnahmsweise zutrifft: Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Bewahrung der Flamme – Und kaum jemand bewahrt sie so stoisch, innovativ und elegant wie The Notwist.

VÖ: 29. Januar 2021 via Morr Music